Balance zu finden zwischen dem Zumutbaren für die Betriebe und den Bedürfnissen
der Belegschaften. Das Aushandeln der Löhne durch die Tarifparteien kann durch Einmischung
von außen nur beschädigt und gestört werden.
SN: Die abhängig Beschäftigten haben aber nun seit 2000 so gut wie keine
Reallohnsteigerungen erzielen können, das kann doch nicht so weiter
gehen…
Kannegiesser: So stimmt das nicht. Nach Beschäftigtengruppen und Sparten ist die
Bilanz durchaus unterschiedlich. Wir haben die Zahl der Beschäftigten
insgesamt kräftig ausweiten können auf über 40 Millionen. Das war nur
möglich, indem viele Langzeitarbeitslose und Geringqualifizierte in
Arbeit gebracht wurden. Das stieß ja auch getreu dem Motto "Sozial ist
was Arbeit schafft“ auf breiten Konsens. Bei diesen Veränderungen am
Arbeitsmarkt darf man sich dann aber auch nicht wundern, dass der
Durchschnittslohn nicht kräftig steigt. Fest steht aber auch, dass die
Qualifizierten recht deutliche Lohnzuwächse erzielen konnten. Die
Bandbreite der Löhne ist größer geworden.
SN: In Ihrer Branche stehen erst 2012 wieder Lohnverhandlungen an. Der
letzte Abschluss stammt aus diesem Februar, als es konjunkturell noch
sehr düster aussah. Erwarten Sie bei der nächsten Runde eine Forderung
nach einem kräftigen Nachschlag?
Kannegiesser: Langsam. Es gilt festzuhalten, dass die Metall- und Elektrobranche
gerade erst den dramatischsten Absturz der letzten 50 Jahre hinter sich
hat. Bei der Beschäftigung ist die Wende erst seit Mai da. Einige
Unternehmen, einige Sparten sind immer noch in einer schwierigen Lage.
Vielen in der Branche zittern jetzt noch die Knie. Da jetzt schon eine
Nachschlagsdiskussion anzuzetteln, das geht an der tatsächlichen Lage in
den Betrieben vorbei. Man darf zudem nicht vergessen, dass bei unserem
Abschluss im Februar die Beschäftigungssicherung im Vordergrund stand,
die die Betriebe sehr viel Geld gekostet hat. Trotz
Beschäftigungssicherung sind in dieser schwierigen Zeit auch die Löhne
gestiegen. Wir haben Einmalzahlungen geleistet und für 2011 2,7 Prozent
vereinbart. Bis vor kurzem galt dies noch als sehr mutig.
SN: Die Betriebe in Ihrer Branche stellen wieder ein, vor allem
Zeitarbeiter. Warum werden nicht feste Jobs geschaffen?
Kannegiesser: Der Abbau bei den Stammbelegschaften wurde gestoppt. Das ist schon ein
Erfolg, danach sah es lange Zeit nicht aus. Das jetzige Niveau bei den
Belegschaften werden wir wohl auch halten können. Es gibt aber auch
einige Betriebe, die überraschend eine Auftragsspitze bekommen haben,
nicht zuletzt auch deshalb, weil die in der akuten Krise auch aus
Finanzierungsproblemen dramatisch gegen Null gefahrenen Lagervorräte
jetzt dringend aufgefüllt werden müssen. Da aber nicht absehbar ist, wie
stabil die Aufwärtsentwicklung ist, ist es doch besser, neben flexiblen
Arbeitszeitkonten auf das Instrument der Zeitarbeit zurückzugreifen,
als Aufträge abzulehnen.
SN: In der Stahlbranche wurde gerade vereinbart, dass Zeitarbeiter den
gleichen Lohn bekommen wie die Stammbelegschaften. Ein Vorbild für die
Metall- und Elektrobetriebe?
Kannegiesser: Die Stahlbranche hat da ein rechtlich sehr gewagtes Konstrukt gewählt,
das überhaupt nicht auf unsere Branche übertragbar ist. Die Branchen
sind auch nicht vergleichbar: Beim Stahl spielt Zeitarbeit praktisch
keine Rolle, bei uns schon. Der Personalkostenanteil liegt beim Stahl
bei zehn Prozent, bei uns bei 30 Prozent. Unsere Betriebe sind im
Schnitt deutlich kleiner als in der Stahlbranche. Die Metall- und
Elektroindustrie ist aber von der Zahl der Beschäftigten etwa 40 Mal so
groß. Es kann und darf kein Maßstab sein, was der Stahl vereinbart hat.
Außerdem muss man endlich die Zeitarbeitsfirmen - egal ob private oder
Gemeinschaftseinrichtungen von Verbänden, Gewerkschaften und
öffentlicher Hand – als Arbeitgeber für voll nehmen. Es handelt sich um
deren Arbeitnehmer, und deshalb haben die Löhne in den Tarifverträgen
der verschiedenen Kundenfirmen nichts zu suchen.
SN: Der Dollar ist schwach geworden, der Euro stark. Einige Stimmen sprechen
bereits von einem Währungskrieg. Lässt dies die deutsche
Schlüsselbranche kalt?
Kannegiesser: Nein. Die Währungsverhältnisse sollten die Unterschiede in der Kauf- und
Leistungskraft der Volkswirtschaften widerspiegeln. Aus der
Wirtschaftsgeschichte wissen wir, dass politisch motivierte Versuche,
die Wechselkurse zu manipulieren, einen gehörigen Anteil am Ausbruch der
Weltwirtschaftskrise in den 20er Jahren hatten.
SN: Der Ton der Politiker in der Zuwanderungsdebatte wird rauer - auch von
Unionsseite gegen die Arbeitgeber. Ist der Fachkräftemangel über
Qualifizierung und die stille Reserve zu beseitigen, oder brauchen wir
Zuwanderung?
Kannegiesser: Die demographische Entwicklung, also die Überalterung der Gesellschaft
und der Rückgang der Bevölkerung, kann niemand leugnen. Sie ist in
vollem Gang. Klar ist, dass die Gesellschaft sich hier anpassen muss.
Der Anteil Älterer in den Betrieben ist schon gestiegen und wird weiter
steigen. Die Unternehmen müssen noch familienfreundlicher werden. Und
wir müssen aus der Gruppe der Geringqualifizierten mehr Begabungen und
Talente herausfiltern. Tatsache ist aber auch: Die Zuwanderung ist seit
Jahrzehnten ein wichtiger Faktor und wird in Zukunft nicht wegzudenken
sein. Deutschland muss auch künftig offen sein für weitere Zuwanderung.
Wir müssen nur aufpassen, dass die Gesellschaft und die Sozialsysteme
von der Zuwanderung nicht überfordert werden.
SN: Ist es hilfreich, wenn Politiker die Zuwanderung aus bestimmten
Kulturkreisen hintanstellen wollen?
Kannegiessser: Grundsätzlich halte ich eine Unterscheidung nach Kulturkreisen nicht für
hilfreich. Es sollte vielmehr unterschieden werden nach
Qualifizierungsfähigkeit und Integrationswilligkeit. Dass Integration
eine zentrale Aufgabe der Gesellschaft bleibt ist unbestritten.
Parallelgesellschaften dürfen wir uns nicht leisten, dafür sind die
gesellschaftlichen Probleme ohnehin schon zu groß.
Das Gespräch führte Markus Grabitz,
Stuttgarter
Nachrichten.
Erschienen am 14. Oktober 2010.