"Jeder weitere Kommentar zum Thema Lohnfindung beschädigt den sensiblen Prozess"

Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser in den Stuttgarter Nachrichten über Ratschläge aus der Politik zum Thema Tarifpolitik, über die wirtschaftliche Lage, Beschäftigung, Zuwanderung

14.10.2010
Stuttgarter Nachrichten (SN): Erst von der Leyen, dann Brüderle, jetzt die Kanzlerin -  die Regierung macht sich für Lohnerhöhungen stark. Sind Sie dankbar für die Anregungen?
Kannegiesser: Die Tarifparteien haben nun ja in den letzten Jahren wirklich Verantwortungsbewusstsein und Augenmaß bewiesen. Die Politik sollte darauf weiterhin vertrauen. Jeder weitere Kommentar zum Thema Lohnfindung ist überflüssig. Jeder weitere Kommentar beschädigt den sensiblen Prozess, eine ...
Balance zu finden zwischen dem Zumutbaren für die Betriebe und den Bedürfnissen der Belegschaften. Das Aushandeln der Löhne durch die Tarifparteien kann durch Einmischung von außen nur beschädigt und gestört werden.

SN:
Die abhängig Beschäftigten haben aber nun seit 2000 so gut wie keine Reallohnsteigerungen erzielen können, das kann doch nicht so weiter gehen…

Kannegiesser: So stimmt das nicht. Nach Beschäftigtengruppen und Sparten ist die Bilanz durchaus unterschiedlich. Wir haben die Zahl der Beschäftigten  insgesamt kräftig ausweiten können auf  über 40 Millionen. Das war nur möglich, indem viele Langzeitarbeitslose und Geringqualifizierte in Arbeit gebracht wurden. Das stieß ja auch getreu dem Motto "Sozial ist was Arbeit schafft“ auf breiten Konsens. Bei diesen Veränderungen am Arbeitsmarkt darf man sich dann aber auch nicht wundern, dass der Durchschnittslohn nicht kräftig steigt. Fest steht aber auch, dass die Qualifizierten recht deutliche Lohnzuwächse erzielen konnten. Die Bandbreite der Löhne ist größer geworden.

SN: In Ihrer Branche stehen erst 2012 wieder Lohnverhandlungen an. Der letzte Abschluss stammt aus diesem Februar, als es konjunkturell noch sehr düster aussah. Erwarten Sie bei der nächsten Runde eine Forderung nach einem kräftigen Nachschlag?

Kannegiesser: Langsam. Es gilt festzuhalten, dass die Metall- und Elektrobranche gerade erst den dramatischsten Absturz der letzten 50 Jahre hinter sich hat. Bei der Beschäftigung ist die Wende erst seit Mai da. Einige Unternehmen, einige Sparten sind immer noch in einer schwierigen Lage. Vielen in der Branche zittern jetzt noch die Knie. Da jetzt schon eine Nachschlagsdiskussion anzuzetteln, das geht an der tatsächlichen Lage in den Betrieben  vorbei. Man darf zudem nicht vergessen, dass bei unserem Abschluss im Februar die Beschäftigungssicherung im Vordergrund stand, die die Betriebe sehr viel Geld gekostet hat. Trotz Beschäftigungssicherung sind in dieser schwierigen Zeit auch die Löhne gestiegen. Wir haben Einmalzahlungen geleistet und für 2011 2,7 Prozent vereinbart. Bis vor kurzem galt dies noch als sehr mutig.

SN: Die Betriebe in Ihrer Branche stellen wieder ein, vor allem Zeitarbeiter. Warum werden nicht feste Jobs geschaffen?

Kannegiesser: Der Abbau bei den Stammbelegschaften wurde gestoppt. Das ist schon ein Erfolg, danach sah es lange Zeit nicht aus. Das jetzige Niveau bei den Belegschaften werden wir wohl auch halten können. Es gibt aber auch einige Betriebe, die überraschend eine Auftragsspitze bekommen haben, nicht zuletzt auch deshalb, weil die in der akuten Krise auch aus Finanzierungsproblemen dramatisch gegen Null gefahrenen Lagervorräte jetzt dringend aufgefüllt werden müssen. Da aber nicht absehbar ist, wie stabil die Aufwärtsentwicklung ist, ist es doch besser, neben flexiblen Arbeitszeitkonten auf das Instrument der Zeitarbeit zurückzugreifen, als Aufträge abzulehnen.

SN: In der Stahlbranche wurde gerade vereinbart, dass Zeitarbeiter den gleichen Lohn bekommen wie die Stammbelegschaften. Ein Vorbild für die Metall- und Elektrobetriebe?

Kannegiesser:
Die Stahlbranche hat da ein rechtlich sehr gewagtes Konstrukt gewählt, das überhaupt nicht auf unsere Branche übertragbar ist. Die Branchen sind auch nicht vergleichbar: Beim Stahl spielt Zeitarbeit praktisch keine Rolle, bei uns schon. Der Personalkostenanteil liegt beim Stahl bei zehn Prozent, bei uns bei 30 Prozent. Unsere Betriebe sind im Schnitt deutlich kleiner als in der Stahlbranche. Die Metall- und Elektroindustrie ist aber von der Zahl der Beschäftigten etwa 40 Mal so groß. Es kann und darf kein Maßstab sein, was der Stahl vereinbart hat. Außerdem muss man endlich die Zeitarbeitsfirmen - egal ob private oder Gemeinschaftseinrichtungen von Verbänden, Gewerkschaften und öffentlicher Hand – als Arbeitgeber für voll nehmen. Es handelt sich um deren Arbeitnehmer, und deshalb haben die Löhne in den Tarifverträgen der verschiedenen Kundenfirmen nichts zu suchen.

SN: Der Dollar ist schwach geworden, der Euro stark. Einige Stimmen sprechen bereits von einem Währungskrieg. Lässt dies die deutsche Schlüsselbranche kalt?

Kannegiesser:
Nein. Die Währungsverhältnisse sollten die Unterschiede in der Kauf- und Leistungskraft der Volkswirtschaften widerspiegeln. Aus der Wirtschaftsgeschichte wissen wir, dass politisch motivierte Versuche, die Wechselkurse zu manipulieren, einen gehörigen Anteil am Ausbruch der Weltwirtschaftskrise in den 20er Jahren hatten.

SN: Der Ton der Politiker in der Zuwanderungsdebatte wird rauer - auch von Unionsseite gegen die Arbeitgeber. Ist der Fachkräftemangel über Qualifizierung und die stille Reserve zu beseitigen, oder brauchen wir Zuwanderung?

Kannegiesser: Die demographische Entwicklung, also die Überalterung der Gesellschaft und der Rückgang der Bevölkerung, kann niemand leugnen. Sie ist in vollem Gang. Klar ist, dass die Gesellschaft sich hier anpassen muss. Der Anteil Älterer in den Betrieben ist schon gestiegen und wird weiter steigen. Die Unternehmen müssen noch familienfreundlicher werden. Und wir müssen aus der Gruppe der Geringqualifizierten mehr Begabungen und Talente herausfiltern. Tatsache ist aber auch: Die Zuwanderung ist seit Jahrzehnten ein wichtiger Faktor und wird  in Zukunft nicht wegzudenken sein. Deutschland muss auch künftig offen sein für weitere Zuwanderung. Wir müssen nur aufpassen, dass die Gesellschaft und die Sozialsysteme von der Zuwanderung nicht überfordert werden.

SN: Ist es hilfreich, wenn Politiker die Zuwanderung aus bestimmten Kulturkreisen hintanstellen wollen?

Kannegiessser: Grundsätzlich halte ich eine Unterscheidung nach Kulturkreisen nicht für hilfreich. Es sollte vielmehr unterschieden werden nach Qualifizierungsfähigkeit und Integrationswilligkeit. Dass Integration eine zentrale Aufgabe der Gesellschaft bleibt ist unbestritten. Parallelgesellschaften dürfen wir uns nicht leisten, dafür sind die gesellschaftlichen Probleme ohnehin schon zu groß.

Das Gespräch führte Markus Grabitz, Stuttgarter Nachrichten.
Erschienen am 14. Oktober 2010.


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